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Mein Leben in Kürze.
 
Ich wurde am 22. September in Lajatico auf dem toskanischen Land in der Nähe von Volterra geboren. Die Traditionen dieser Gegend und der starke Einfluss meiner Eltern haben mich gelehrt, niemals passiv Schwierigkeiten hinzunehmen, sondern eher daraus Stärke zu ziehen.
 
Soweit ich mich erinnere, gab es niemals Zeiten in meinem Leben ohne die Leidenschaft für die Musik. Die großen italienischen Tenöre wie DelMonaco, Gigli, und vor allem Corelli haben in mir schon immer, schon als Kind, eine große Bewunderung und Begeisterung ausgelöst. So leidenschaftlich wie ich für die Opernmusik bin, ist es der Traum und das Ziel meines ganzen Lebens ein großer Tenor zu werden.
 
Trotzdem wir in einer Welt der rasenden Veränderungen leben, begegne ich dem Leben mit gelassener Sicht, genieße die einfachen Freuden des Lebens und nehme dabei jede Herausforderung mit Leidenschaft an. Ich versuche immer optimistisch zu sein, und verstehe das Zitat des französischen Romaziers Antoine de Saint-Exupery im wahrsten Sinne seines Wortes: "Si vede con chiarezza solo attraverso il cuore. L'essenziale è invisibile agli occhi." (Man sieht nur mit dem Herzen gut, das wesentliche ist für die Augen unsichtbar.)
 
Man kann die detaillierte Geschichte meines Lebens lesen, wenn man in das Kapitel Empfindungen eintritt.
 
Andrea Bocelli
 
Übersetzung: R. Bausch-Hochscheid und A. Eywo
mit Genehmigung von Andrea Bocelli
Übersetzung ohne Gewähr für die Richtigkeit.
Übersetzungen dürfen ohne ausdrückliche Zustimmung der Übersetzer
in keiner Weise verwendet werden.
"Am 22. September des Jahres 1958 wurde um 5:10 Uhr Andrea geboren, ein 3 Kilo, 600 Gramm schwerer Junge, eine Freude für Vater und Mutter."

Dies ist in ein Familienalbum geschrieben, eines von jenen, das die Verwandten für gewöhnlich den jungen Eltern schenken, und das die mehr oder weniger wichtigen Daten des Lebens eines Kindes wiedergibt, zusammen mit vielen Fotografien, die dessen Heranwachsen belegen. Es sind "technische" Daten, nützlich für statistische Zwecke oder für punktuelle Erinnerungen. Es sind Informationen, die uns allen vom Moment der Geburt bis zu dem, in dem man sich seiner selbst bewusst wird, dazu dienen, sich vorzustellen wer man war, die Tatsachen, die jenes gerade erblühte Leben kennzeichneten. Es sind die Eltern, die uns die kleinen großen Dinge erzählen, die sie beeindruckt haben und die - zum Teil - auch unser späteres Leben bestimmen. Und sieh da, also erfahre ich aus diesem Buch, das Andrea das erste Mal mit 15 Tagen gelächelt hat, dass er seine ersten Schritte mit 9 Monaten gemacht hat, und dass der erste Zahn ihm mit 6 Monaten gewachsen ist. Alles große Dinge für dieses gerade begonnene Dasein, alles Dinge, die die Herzen der Eltern dieses kleinen Jungen füllen; ich weiß es, ich habe es so mit meinen Sohn gemacht, und so hat es auch Andrea mit seinen beiden Söhnen gemacht, eine so große Befriedigung konnten wir uns nicht einmal vorstellen, bis wir selbst Väter geworden sind.

Kehren wir zu den Tatsachen von Andreas Kindheit zurück, so scheint es, dass die Musik ihn seit zartester Kindheit begleitet hat: Seine Eltern sagen, dass er immer viel weinte und er sich nur beruhigte, wenn er Musik hörte. Wenige Monate nach der Geburt klagte Andrea über Schmerzen an den Augen, die Ärzte diagnostizierten einen angeborenen beidseitigen Grünen Star, eine Krankheit, die zur völligen Erblindung führen würde. Andrea weinte und weinte vor schrecklichen Schmerzen, manchmal beruhigten sie ihn in dieser Verzweiflung, nachdem sie entdeckt hatten, dass dies mit Musik, mit klassischer Musik, möglich war. Seine Mutter hatte herausgefunden, dass dies ein Allheilmittel war, eine imaginäre Zuflucht vor einem unerbittlichen Unglück.

Alle im Haus Bocelli glauben, dass dies nur ein Zufall war, oder dass es wenigstens nur ein solcher gewesen wäre, wenn dann das Schicksal Andrea nicht dahin gebracht hätte, wo er hinwollte, dahin, wo er heute ist.

Andrea war ein appetitloses Kind, sagte seine Mutter immer, mit Sehproblemen aber dennoch sehend, das immer das Risiko liebte. Die Mutter erzählt immer von all den Schrecken und den Sorgen, die sie aufgrund seiner Tollkühnheiten durchmachen musste. Wie sie ihn mit dem Löffel voll Suppe verfolgte, und er auf die Bäume oder die Traktoren stieg, oder wie er von ihrer Seite verschwand, weil er in einen Baum geklettert war. Der Kummer von Andreas Eltern ließ sie jede Möglichkeit ausschöpfen, um nur ihrem Kleinen ein "normales" Leben zu ermöglichen; von einem Arzt zum anderen, es war also ein Leidensweg vor allem für seine Eltern, die machtlos vor dem Schicksal nichts anderes tun konnten, als sich dem Herrn anzuvertrauen und der Hilfe einer Kapazität, Professor Galegna. In den Wochen, die Andrea in jenem Hospital zu einer Reihe von Operationen in dem Bemühen ihm wenigstens ein geringes Sehvermögen zu erhalten, verbrachte, muss er gelitten haben, wenn auch, davon bin ich überzeugt, weniger als seine Eltern. Andrea erinnert sich an sein Weinen, an die Tränen der anderen Kleinen und Großen, auch von starken und harten Leuten, die in diesem Unglück gleich waren: die Welt nie wieder sehen zu können. Und damals geschah es auch, dass die Musik zu ihm kam, mit all jenen Eigenschaften, die Gefühle hervorrufen können, starke, süße, leidenschaftliche, grausame. Die Musik trifft unbewusst, man weiß nicht, warum gewisse Noten in einer bestimmten Reihenfolge mehr sagen können als ein Vortrag, aber es ist so. Und man erkennt, dass man sie braucht wie Brot und Wasser, wie die Liebe. Und Andrea brauchte die Musik mehr als andere.

"Die Musik ist für mich ein Bedürfnis", ein Satz, den Andrea als Kind in ein Heft geschrieben hat, das im Hause der Bocellis wiedergefunden wurde und in dem sich dies findet. "Ich habe sie gehört, ich habe sie verfolgt, ich habe sie gefunden, ich habe um sie geworben, ich habe sie verehrt, sie ist mein Leben", fährt er fort. Als es sich herumsprach, dass die Musik einen wohltuenden Einfluss auf ihn hat, wetteiferten die Verwandten darum, ihm irgendetwas, das damit zu tun hat, zu schenken: Glockenspiele, Xylofone, Tamburine, und 45er Schallplatten. Und dann gab es die, die ihm von der Musik erzählten, wie sein Onkel, derjenige, der das Interesse des Jungen für die klassische Musik erweckte. Sein Held war Beniamino Gigli und in kurzer Zeit wurde es auch der von Andrea. Dieser schwärmte so fasziniert für jenen Mythos, dass er nicht genug von dessen Heldentaten hören konnte und der Onkel nicht mehr wusste was er erzählen sollte, und so tauchten bald andere, ähnliche "Helden" auf, der letzte in den Erzählungen immer noch überflügelt vom Folgenden. Es reihten sich aneinander Giuseppe Distefano, Mario Del Monaco, Aureliano Pertile, Ferruccio Tagliavini und gingen dem großartigen Caruso voran. Die Leidenschaft und Begeisterung, die der Onkel für ihn hegte, war einzigartig, und die Erwartungen, die er in Andrea ihm gegenüber erweckte, waren ernorm. Mit Spannung erwartete er den Moment, in dem er ihn das erste Mal hören konnte, wurde jedoch von dem Gekrächze das aus den Lautsprechern kam, enttäuscht. Wie konnte ein Kind wissen, dass diese Aufnahme so schlecht war, weil die Technologie noch in den Anfängen war? Zu dieser Zeit gab es keine digitalen Aufnahmen, die CDs. Andrea war etwa acht Jahre alt, als seine "Tata" (sein Kindermädchen) Oriana, die ihm immer, wenn sie von den morgendlichen Einkäufen zurückkehrte, die Neuigkeiten aus der Zeitung vorlas, ihm von einer Premiere an der Scala vorlas, bei der ein gewisser Corelli verblüffte. "Wer ist Corelli?" fragte Andrea die Tata, und sie las ihm von jener ehernen voluminösen Stimme mit den klarsten Tönen vor. "Lass dir eine Platte von ihm schenken", sagte die Tata, "ich bin auch neugierig ihn zu hören." Und so geschah es, wenige Tage später kam die Tata selbst mit 'Andrea Chenier', wo nach der Pause des Orchesters ein Gesang von vibrierenden, natürlichen Tönen voller Gefühle hinzukam, der die Melodie erhellte. "Das ist Corelli", sagte sie.

Reggio Emilia: eine schöne kleine Stadt, berühmt für ihr Theater, die einzige in Italien, die komplett in ihren Mauern eingeschlossen ist. Am 20. März 1965, als er die Sehkraft verloren, und die Erinnerungen an die Welt an das gebunden waren, was Andrea in jener gequälten Kindheit, die dennoch reich an soviel glücklichen Augenblicken war, erfahren hatte, begleiteten ihn die Eltern in jene Stadt, die sie wegen der besten Blindenschule gewählt hatten. In jener Schule unterrichtete man mit Braille-Büchern, mit Relief-Geografiekarten, kurz, man überwand dort die mit dem Sehen verbundenen Barrieren. Es war für das Kind Andrea ein trauriger, aber notwendiger Augenblick. Es war auch für die Eltern eine Prüfung, einen Sohn hunderte Kilometer entfernt zu wissen, aber sie begründeten dies mit der Gewissheit, das Richtige zu tun, um ihm die besten Möglichkeiten zu geben. Die ihnen überaltert und unzureichend erscheinenden hygienischen Einrichtungen beunruhigten sie außerordentlich. Ein Rundgang durch das Institut verbesserte ihren Eindruck ein wenig, und so verbrachten sie alle zusammen die Nacht in einer Herberge, um sich besser auf die Trennung vorbereiten zu können. Am folgenden Morgen kamen ihnen die Tränen, obwohl sie sie zurückhalten wollten, und so erlebte Andrea seinen ersten Tag in Gesellschaft mit anderen, die wie er waren. Es gab sehr viele Aktivitäten, die hauptsächlich mit manueller Geschicklichkeit zu tun hatten. Aber dieser andere Geschmack, diese anderen Gerüche, diese anderen Stimmen ließen den kleinen Andrea verzweifeln, er überwand es dann aber. Er wusste dann, dass seine Eltern beide draußen vor dem Tor weinten, aber dass die Hoffnung und der Glaube ihnen ein wenig die Leere in ihren Herzen füllte. Im Grunde ist der lateinische Spruch wahr: "Matrimonium, remedium solitudinis ac concupiscentiae est" (Anm. Bocelli.de: er bezieht sich hier auf Genesis 2, Vers 18: die Ehe als Heilmittel gegen die Einsamkeit: "Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei")

Im Jahr darauf fing Andrea an, in Braille lesen zu lernen, und damit begann die Entdeckung der Bücher, der Poesie und der Erzählungen, aber auch von anderen Fächern, wie der Mathematik, zunächst hart, bis es der Mutter mit Geduld und Weisheit, geleitet von Instinkt und Intelligenz, gelang, es zu seinem Lieblingsfach zu machen. Die Winter, in denen man Schneebälle warf, wurden vom Frühling mit kurzen Ärmeln an der frischen Luft abgelöst. In Kürze würde ihn die schöne Jahreszeit nach Hause zurückbringen, zu seinen Freunden, zu seinen Eltern, zu seinem kleinen Bruder. Andreas Stimme war im Internat aufgefallen, und deshalb ließ man ihn immer den Solistenpart im Chor singen. So kam es, dass ihm bei der Vorstellung zum Jahresende die Rolle des Solisten im Chor zufiel. Mehr als 200 Personen hörten zu, unter ihnen Eltern, Lehrer und lokale Persönlichkeiten.

Niemanden interessierte seine Vorstellung von "'O sole mio", aber nach dem ersten Satz verfielen alle in eine seltsame Stille, tief und andauernd, um dann am Ende, beim hohen Schlusston, in tosenden Applaus auszubrechen, was ihm ein Zeichen des Schicksals war. Und in jenem Sommer hatte auch Andrea seine Geschichten, die er mit großer Befriedigung allen erzählen konnte. Und dann baten ihn alle zu singen, es war der Preis, den er zahlen musste, um nicht früh ins Bett geschickt zu werden, aber es war eine angenehme Ehre. Es war schön für ihn, im Mittelpunkt der Beachtung zu stehen.

Es war schön, bei der Getreideernte zu helfen, beim Dreschen, und in diesem Jahr auch jene wunderbaren Tiere, die Pferde zu entdecken. Andreas Großvater, der sich auf Rennpferde, Autos, Politik und Frauen verstand, erweckte ihn ihm die Liebe für diese Tiere. Er hatte sieben Enkel und ließ sich von Andreas Gesang begeistern. In Lajatico hatte es sich bereits von jenem Jungen herumgesprochen, dem "die Natur auf der einen Seite etwas genommen, aber auf der anderen etwas geschenkt hatte". Auch der Pfarrer bezog ihn mit ein und er begann, in der Kirche das "Ave Maria" von Schubert bei der Kommunion zu singen. Nach dem Gesang waren viele gerührt, nicht wegen der Interpretation, sondern wegen des Sängers. Und nach und nach verstand Andrea, dass das Singen sein Ventil war, sein Weg auf sich aufmerksam zu machen, "herauszukommen".

Es kam wieder der Herbst und das Internat und mit ihm eine erfreuliche Überraschung in Form von Musikunterricht. Zuerst gab es langweilige Notenübungen, aber dann die Tonleitern am Klavier. Andrea hatte schon Orgel in der Pfarre gespielt, doch dieses do re mi fa sol vor und zurück war doch eine recht förderliche Sache. Es kam dann die Flöte dazu, auf der er bald einfache Melodien spielen konnte. Dieses Instrument nahm er jeden Abend mit ins Bett, er war davon begeistert und studierte es gründlich.

Es wurde wieder Frühling und dann kam der Sommer. Und die Ferien am Meer. Andrea liebt das Meer, die frische Luft, das Gefühl der Freiheit, das dieses unendliche Wasser gibt, diesen Tanz der Wellen. Und die Spiele am Strand: die Schaukel, die Ringe, das Trapez. Er spielte immer so waghalsig wie es ging, entweder mit dem Kopf nach unten oder er kletterte trotz seines schlechten Sehvermögens so hoch wie nur möglich hinauf.

Es kam auch der Zeitpunkt schwimmen zu lernen, und hierzu fuhr Andreas Vater mit ihm mit dem Tretboot hinaus. Nach und nach lernte er schwimmen und wurde so gut, dass er bald mit den anderen Kindern um die Wette schwamm. Er hasste es, zu verlieren, eine Niederlage ließ ihn nicht schlafen.

Der Sommer ging zu Ende und es war Zeit, ins Internat zurückzukehren, zu den Prüfungen der fünften Klasse. Das Jahr begann mit den verschiedenen Fächern und mit Sport, den Andrea sehr liebte, da er eine Schwäche für die körperliche Form (Fitness) hatte. Fußball und Leichtathletik waren die Sportarten, die er am liebsten hatte und gut ausführen konnte, da er mit einem Auge noch Licht und Farben wahrnehmen konnte, wenn auch undeutlich, bis ihn eines Tages als Tormann ein unbeabsichtigt ein Schuss auf das Auge traf, das ihm noch eine minimale Sicht erlaubte. Die Blutung konnte gestillt werden, aber sein Sehvermögen verschwand langsam zur Gänze.

Ein beklemmendes Gefühl bemächtigte sich Andreas: wie wird er weiterspielen können? Seine Mutter litt wie nie zuvor und sie verstand auch zuerst seine Antwort auf ihre Frage, ob er etwas sehen könnte, nicht: "Alles und nichts".

Alles, weil Andrea wusste, was um ihn herum war, und nichts, weil es die Dunkelheit war, die er sah.

Übersetzung: R. Bausch-Hochscheid und A. Eywo
mit Genehmigung von Andrea Bocelli
Übersetzung ohne Gewähr für die Richtigkeit.
Übersetzungen dürfen ohne ausdrückliche Zustimmung der Übersetzer
in keiner Weise verwendet werden.
 
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